15. August 2007

15. August 2007

Lieber Fredrick,

Ich habe Deine Briefe vom 23. Mai – das ist der Irrläufer – und vom 1. August vor mir liegen. Ich werde die Zeitungsausschnitte und Leserbriefe nicht kommentieren, die Du Deinem Mai-Brief beigelegt hast. Ich war immer der Ansicht, dass es Zeitverschwendung ist, Leserbriefe an die Massenmedien zu schreiben – da wirft man Perlen vor die Säue. Aber das mag nur deshalb so sein, weil ich andere, bessere Dinge zu tun hatte, als ich frei war.

Zu Deinen Fragen: auf Anordnung des Gerichts bin ich in einer Einzelzelle untergebracht. Ich war daher nie mit anderen zusammen, was ein Segen ist. Die verschiedenen Zellen, in denen ich bisher war, sind verglichbar mit meinen Studentenbuden aus den 80ern, als ich in Bonn/Frankfurt/Stuttgart studiert habe – daher bloß ein zeitlicher Schritt zurück.

Die halten Ernst Zündel von mir getrennt, und ich habe ihn bisher nicht getroffen. Es könnte zufällig passieren, im Warteraum des Gefängnisreviers. Bisher jedoch kein Glück gehabt. [Das änderte sich einige Wochen später, als Ernst in den gleichen Flügel verlegt wurde, in dem auch ich damals lag.]

Ich trainiere fünf Tage in der Woche: täglich 80 Minuten Krafttraining, 5 km Joggen, und Montag Abend ist Volleyball in der Turnhalle, und seit Monday kann ich an Aktivitäten am Nachmittag teilnehmen, weil ich dann nicht mehr in der Küche arbeite. Das heißt, ich kann jeden Tag Volleyball spielen, aber ich beschränke das auf die Zeit, wenn ich mit meinem täglichen 5km Lauf fertig bin. Ich habe Vegetarierkost in Heidelberg probiert und mochte es gar nicht. Ich kriege jetzt Moslemkost, die viel besseres Fleisch hat. Ich versuche, jeden Abend Müesli zu essen, was schwierig zu organisieren ist, weil ich hier im Gefängnis-Supermarkt keinen Joghurt kaufen kann. Ich muss ihn daher von anderen Häftlingen eintauschen, die auf irgendeinee Diet sind, die Joghurt enthält, die aber willens sind, ihn für diesen oder jenen Gefallen oder alternative Dinge aufzugeben, die sie brauchen. Du weißt ja, wie es ist. [Wenig Wochen später lernte ich von einem freundlichen, älteren türkischen Häftling, wie man seinen eigenen Joghurt macht.]

Entgegen den Gefängnisregeln für verurteilte Gefangene hat mich der Staatsanwalt wieder auf volle Postzensur, Telefonsperre und Besuchsüberwachung gesetzt – mit Ausnahme enger Familienangehöriger, die ich anrufen darf und deren Besuche unüberwacht sind.

Der Grund dafür ist, dass ich eine 18+-seitig Kritik meines Urteils verfasst habe, was den Gefängnisbehörden zufolge meine mangelnde Reue und meine Verstocktheit beweise. Daher wollen sie jetzt sicherstellen, dass ich keinerlei Kontakt zu Leuten habe, die sie als Bedrohung für meine Gehirnwäsche ansehen, sprich ich muss von der deutschen Regierung vor Gedanken geschützt werden, die meinem Geist schaden könnten – obwohl sie nichts Unverholenes tun, um mein Gehrin zu waschen, ganz im Gegenteil. Wer Gewalt braucht, hat bewiesen, dass er keine Argumente mehr hat, mit denen er irgendjemanden von seinem Standpunkt überzeugen könnte.

Diese Sicherungsmaßnahmen stören mich jedenfalls gar nicht, weil mir egal ist, ob irgendein Beamter meine Post liest. Ich hatte denen das sogar nahegelegt, da sie dabei womöglich sogar etwas lernen, aber als ich den Vorschlag im Juni machte, meinten sie, sie hätten nicht das Personal dafür. Jetzt, da ich bewiesen habe, dass ich aufmüpfig und reuelos bin, haben sie plötzlich doch das Personal, um meine Besuche und meine Post zu überwachen. Die Überwachung von einigen meiner Besuche – jene durch meine ‚Fans‘ – heiße ich durchaus willkommen, weil ich die meisten davon nicht kenne. Es ist tatsächlich gut, wenn ein Beamter sich unserer Diskussion anschließt, weil die dadurch auch etwas lernen können – und sie lernen!

Nach einigen Wochen der Anpassung muss ich sagen, dass ich mich hier drinnen viel wohler fühle als am Anfang. Die meisten wirklich wichtigen Dinge sind zu meiner Genugtuung gelöst, so zum Beispiel, dass ich meine Frau in den USA regelmäßig anrufen kann, Zahnseide bekomme – ein ziemliches Ding für die Sicherheits-paranoiden Beamten –, Knieschoner für Volleyball, sowie einen „gut“ bezahlten Job, mit dem ich die Anrufe zu meiner Frau bezahlen kann; und jede Menge Sport.

Alles, was ich jetzt noch brauche, um mich – fast – glücklich zu machen, ist Joghurt und/oder Quark auf regelmäßiger Basis. Das ist mein nächstes Projekt. Zudem hoffe ich, bald meinen Englisch-Sprachkurs beginnen zu können. Ich habe mich neulich angemeldet, und jetzt warte ich auf die Bestätigung und auf die ersten Unterlagen, damit ich loslegen kann. Es ist ja nicht gerade so, dass ich unfähig bin, wenns um Englisch geht, aber man kann immer etwas lernen, und es ist mir wirklich wichtig, diese Sprache zu benutzen, weil ich die letzten 22 Monaten, seit ich eingesperrt wurde, keine Möglichkeit gehabt habe, die Sprache zu sprechen – die Besuche meiner Frau während der Sommermonate ausgenommen. Es ist außerdem eine kleine intellektuelle Herausforderung, die in dieser Umgebung händeringend benötigt wird.

Das ist wohl vorerst alles. Ach ja, bezüglich Lektüre: ich konzentriere mich auf National Geographic, Scientific American und Science Magazine, sprich: zurück zu den Wurzeln als Naturwissenschaftler. Keine Politik, bitte! Das treibt mich bloß die Wände hoch.

Herzlichst,

Germar