Zwei Buben

Dies ist ein Aufsatz über meinen Vater und mich . Einige meinen, um einen Mann zu beurteilen, müssen man wissen, was für eine Beziehung er zu seinem Vater hat bzw. hatte. Ich halte das nicht für völlig richtig, aber ich gebe gerne zu, dass meine frühere Beziehung zu meinem Vater etwas mit meiner Beschäftigung mit dem Revisionismus zu tun hat.

1945/46

Der neunjährige Junge verbringt seine Freizeit am liebsten am Teich drüben im Steinbruch. Seine Kindheit war gar nicht so übel bisher, auch wenn sein Vater bisweilen recht gewalttätig ist, aber wenn er zu seinen Lieblingsplätzen gehen kann, ist seine kleine Welt in Ordnung. An diesem Nachmittag liegen die Dinge aber etwas anders. Russische Truppen überfluten das Dorf. Der Schrecken des Zweiten Weltkriegs hat die Welt des kleinen Jungen erreicht. Aber er hat Glück. Die sowjetischen Monster haben ihren Durst auf deutsches Blut und ihre Lust auf deutsche Frauen in Städten und Dörfern weiter im Osten gestillt, und als sie schließlich dieses kleine Dorf erreichen, sind sie recht zivilisiert. Daher werden weder seine 14-jährige Schwester noch seine Mutter berührt; niemand wird verletzt. Es dauert noch ein Jahr, bis die neuen polnischen Behörden, welche die deutschen Behörden ersetzen, den Befehl erlassen, dass alle Deutschen dieses schlesische Dorf zu verlassen haben, ein Ort, der von deutschen Siedlern im 13. Jahrhundert gegründet wurde. Der Junge und seine Familie, deren Vorfahren im 13. Jahrhundert hierher kamen, müssen abziehen und werden niemehr erlaubt sein, zurück zu kommen. Die ganze 600-Jahre alte deutsche Provinz wird von seinen 6 Millionen Einwohnern „ethnisch gesäubert“, so wie all die anderen ostdeutschen Provinzen. Der Junge und seine Familie, einst stolze Bauern, siedeln nach West-Deutschland um, vegitieren aber als Knechte in einer rattenloch-artigen Behausung unter entwürdigenden Zuständen. Das Familienleben wird unter diesen Umständen zur Hölle: Der Vater gewalttätig gegenüber den Kindern und deren Mutter, die Mutter eine unglückliche, gehässige Xanthippe. Wie alle deutschen Flüchtlinge, so wird auch der Junge von den meisten seiner deutschen Landsleute mit Verachtung behandelt, und seine Schulkameraden betrachten es als unter ihrer Würde, sich mit ihm abzugeben. Als der Junge 15 wird, verlässt er sein Elternhaus, um Gärtner zu werden, und um das Elend für immer hinter sich zu lassen.

Szenenwechsel – 1960-1966

Der große, gutaussehende junge Landschaftsgärtner leidet unter riesigen Schmerzen. Noch 25 Jahre lang wird er es nicht wissen, aber er hat soeben einen Bandscheibenvorfall erlitten. Kein Arzt diagnostiziert es vernünftig, weshalb diese ernsthafte Verletzung, die ihn lähmen könnte, unbehandelt bleibt. Er muss seine Karriere ändern. Er entscheidet sich, einer jener Sozialpädagogen zu werden, die er so sehr bewundert: Er möchte lernen, mit hilfsbedürftigen Menschen umzugehen. Er tritt daher einer katholischen Ausbildungsstätte bei, ist dort aber nicht sonderlich erfolgreich, da er massive Probleme hat, mit anderen angemessen umzugehen. Seine Vergangenheit hat Narben hinterlassen. Aber in dieser Schule trifft er diese hübsche Sekretärin im Büro, die so umgänglich und lebhaft ist und insbesondere diesen großen, gutaussehenden Mann bewundert, der bald das sein wird, was sie werden wollte, was ihre Eltern aber nicht erlauben: ein Sozialpädagoge, die bedürftigen Menschen hilft. Sie verlieben sich, aber wie es in jenen Jahren so üblich ist, ist dies bloß eine Wochenendbeziehung, bei der die beiden jungen Menschen stets ihr Sonntagslächeln tragen. Sie heiraten, und sie fängt an, Kinder zu bekommen, doch sie bemerkt schnell, dass er nicht der Mann ist, für den sie ihn hielt. Er ist ungeduldig, kann keine Zärtlichkeit zeigen, spricht nicht über das, was ihn bedrückt, ist frustriert in seinem Beruf, weil er sich für unfähig hält (und es auch ist), leidet unter ständigen Rückenschmerzen, und wird beizeiten gewalttätig, insbesondere gegenüber seinem ältesten Sohn, der stur, trotzig und willensstark ist. Da dies der erste und einzige Mann ist, mit dem sie je eine Beziehung haben wird, bekommt seine Ehefrau einen falschen Eindruck von Männern, und sie befürchtet, dass ihr ältester Sohn einmal genauso sein wird. Sie entwickelt daher eine Gegenstrategie.

Szenenwechsel – 1968

Ein dreijähriger Bub will es so haben, aber sein Vater will es anders. Wer wird sich durchsetzen? Der Vater benutzt Gewalt in dem Versuch, den Willen des Jungen zu brechen – doch ohne Erfolg. Die Mutter schreitet ein, um ihren Sohn vom Zorn des Vaters zu schützen, der seine Autorität herausgefordert sieht. So trotzig der Bub auch sein mag, der Vater entwickelt die schlechte Angewohnheit, alle Missetaten und Missgeschicke, die vermeintlich von irgendeinem Kind begangen wurden, ihm anzulasten – ein zerbrochenes Fenster, Krach während des Mittagschlafs, Farbe an der Wand. Im Gegenzug vertieft der Bub eine seiner Charaktereigenschaften noch weiter: einen starken Gerechtigkeitssinn, insbesondere den Unwillen, unberechtigte Nachteile oder Strafen gegen ihn hinzunehmen. Als er fünf Jahre alt wird, fängt er an, seine Mutter zu fragen: Warum behandelt mich mein Vater so?

„Er macht das nicht, weil er dich nicht lieb hat“, antwortet sie. „Er handelt so, weil er als Kind sogar noch schlimmer behandelt wurde, und er kennt es einfach nicht anders.“

Dann erzählt sie ihm die schreckliche Geschicht, wie sein Vater als kleiner Junge zusammen mit seiner Familie aus ihrem Zuhause vertrieben wurden, und wie schrecklich das Leben für seine Familie seither gewesen ist. Die Mutter sieht zu, dass ihr Ehemann sich mit dem Jungen zusammensetzt und es ihm selber erklärt. Eines Abends vor dem Schlafengehen setzt er sich daher zu seinem Sohn, nimmt eine Karte von Deutschland und zeigt dem Buben, wo er als Junge aufwuchs, und was mit Deutschland nach diesem schrecklichen Krieg geschah.

„Auf der Landkarte sah Deutschland aus wie ein Bär mit einem Reiter auf dem Rücken. Nach den letzten zwei Kriegen raubten die Siegerstaaten all diese Territorien von Deutschland und jagten alle Deutschen weg, die in den Ostgebieten lebten. Der deutsche Bär verlor seinen Kopf, seine Vorderbeine, seinen Hals, seinen Schwanz, und der Reiter verlor seinen Hut. Hertwigswalde ist das Dorf, wo ich als Junge lebte. Es liegt hier in der Mitte der Vorderbeine des Bärs“, erklärt sein Vater, während er auf die Mitte Schlesiens zeigt, ein wenig südlich der Stadt Breslau.

Das ist das einzige Mal, dass sein Vater den Namen diese Dorfs erwähnt. Sein Vater mag die Vergangenheit nicht und möchte sei am liebsten verdrängen und vergessen. Des Buben Mutter versucht hingegen zu verhindern, dass ihr Sohn so wird wie ihr Ehemann: sie verbringt viel Zeit mit ihm, um ihm beizubringen, seine Gedanken und Gefühle angemessen auszudrücken. Als der Junge 15 wird, ist sein Vater sogar eifersüchtig auf ihn wegen der tiefen und engen Beziehung, die er zu seiner Mutter hat.

Szenenwechsel – 1983/84

Der große, gutaussehende, junge Student, der sich gerade an der Universität eingeschrieben hat, um Chemie zu studieren, sucht nach einer Studentenbude. Er erfährt durch Zufall, dass eine katholische Studentenverbindung billige Zimmer vermietet. Er nimmt das Angebot gerne an. Es stellt sich heraus, dass diese Studentenverbindung ursprünglich in Königsberg/Ostpreußen ansässig war, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs jedoch vertrieben wurde. Ein schicksalhaftes Zusammentreffen. In den Räumen der Verbindung findet der junge Student eine reichhaltige Bibliothek vor mit Büchern über deutsche Geschichte, mit Schwerpunkt auf der Geschichte der verlorenen deutschen Ostgebiete. Der Student fängt an zu lesen und zu lernen; wie ein trockener Schwamm saugt er Information zur Vergangenheit seiner eigenen Familie auf, die solch große Auswirkungen auf seine Kindheit hatte.

Dann, nur wenige Monate nachdem er der Verbindung beitrat, schlägt ihm ein anderes Mitglied vor, während der anstehenden Semesterferien ein verlängertes Wochenende bei dessen Freunden in der kommunistischen Tschechoslowakei zu verbringen. Auf ihrer Reise gen Südosten machen sie in München halt und besuchen einen Bücherladen mit Schwerpunkt auf den ostdeutschen Provinzen. Unserem jungen Studenten gelingt es, eine Landkarte von Schlesien aus der Vorkriegszeit zu erstehen, jene vormalige ostdeutsche Provinz, aus der sein Vater stammt. Doch dann enthüllt der andere Student plötzlich, dass der Zweck dieses Urlaubs in der Tschechei ein ganz anderer ist: er wird religiöse und politische Literatur (wie George Orwells 1984) sowie einen Tischkopierer zu einer katholischen Gemeinde nach Prag schmuggeln. Unser junger Student entscheidet, dass der Kampf gegen den Kommunismus ein Abenteur wert ist, und so macht er mit. Sie werden jedoch gefasst. Während unser junger Student Glück hat und bloß 14 Tage im Gefängnis von Pilsen zurückgehalten wird, wird der andere Student zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Als er von diesem Abenteur heimkehrt, sind die Eltern unseres jungen Student überwältigt vor Freude, in zurück zu haben. Dies ist das erste und einzige Mal – soweit er sich erinnern kann –, dass sein Vater Tränen in den Augen hat – Freudentränen und Tränen der Erleichterung. Er kann also doch positive Gefühle zeigen. Als unser junger Student zur Uni zurückkehrt, öffnet er seine Landkarte von Schlesien, und obwohl er sich nur schwach an das erinnern kann, was ihm sein Vater vor 14 Jahren gezeigt hat, braucht er nur ein paar Sekunden, um das kleine Dorf namens Hertwigswalde auf der riesigen Karte zu finden. Er ist verblüfft, wie dieser eine Fingerzeig seines Vater vor 14 Jahren solch einen tiefen Eindruck in seinem Gedächtnis hinterlassen hat!

Weil er wegen seiner kurzen Haftzeit in der Tschechei Zeit verlor, wird er diesen Frühling nicht zum zweiten Semester zugelassen. Da er bis zum Sommer warten muss, verbringt er die nächsten vier Monate damit, Bücher über die jüngere deutsche und europäische Geschichte zu lesen, wie sie die Bücherei seiner Verbindung reichlich zu bieten hat. Unterbewußt dämmert es ihm, dass seine wahre Leidenschaft nicht die Chemie ist.

Szenenwechsel – 1986

Berührt von den Geistern der Vergangenheit, den guten wie den bösen, hockt der Junge auf einem Stein im flachen Wasser und schaut mit Staunen über den Teich zum Steinbruch. Frösche quaken, genau wie vor 40 Jahren, als er diesen Ort das letzte Mal sah. Der Jungen ist alt geworden, hat sich sicherlich verändert, aber der Teich und der Steinbruch sind immer noch die gleichen. Er hat seinen eigenen Sohn bei sich, derjenige, der sich verbohrt weigerte, sich ihm zu beugen, der ihm immer wieder den Spiegel der Vergangenheit vorgehalten hat, der nicht aufhören wollte zu fragen, der verstehen wollte, der sich daran machte, selber die Wahrheit zu suche und zu finden, auch gegen den ausdrücklichen Willen seines Vaters, und der schließlich seinen Vater zurück in seine Vergangenheit schleppte, wo dieser aufwuchs, wo er seine Kindheit verlor, hier am Teich, in Hertwigswalde, in Schlesien.

Zum zweiten Mal in seinem Leben sieht der Sohn seinen Vater überwältigt von Gefühlen, straht der kleine Junge durch die Falten seines Vaters Gesichts.

„Er ist doch menschlich. Hier kann ich es sehen“, denkt sein Sohn für sich.

Einige wenige Tage wandern sie durch des Vaters verlore Vergangenheit, und zum ersten Mal öffnet der Vater das Buch seiner Erinnerungen und erzählt. Er erzählt über sich selber. Zum ersten Mal, zum einzigen Mal.

Szenenwechsel – 1992

„Und du kannst dich an gar nichts davon erinnern?“, fragt der Student seinen Vater.

Der Vater entschuldigt sich ehrlich, aber nein, er kann es nicht.

„Du musst diese Erinnerungen unterdrückt haben.“

Der Vater zuckt nur mit den Schultern. Viele Stunden wandern sie durch die Felder und Wälder, wo der Student seine Kindheit und der Vater seine frühe Vaterschaft verbrachte. Dies sind die Landschaften der sich wiederholenden Albträume, die der Studenten als Kind hatte: wie er von seinem Vater gejagt, erwischt und verprügelt wurde. Es war ein kleiner Teil seines täglichen Lebens als Bub, der aber seinen Eindruck hinterließ. Obwohl die gewaltsamen Übergriffe seines Vaters aufhörten, als er 14 Jahre alt wurde – wegen seiner schieren Größe –, ist dies tief in die Seele des Sohnes eingeprägt. Doch jetzt hat er die Gelegenheit, über all dies mit seinem Vater zu sprechen, und er nutzt sie. Der Vater hört sich geduldig die schier endlose Litanei der Anschuldigungen an. Er hört zu, ohne aggressiv zu werden – welch ein Wandel! Aber er scheint seltsam unberührt zu sein. Erinnert er sich wirklich an gar nichts davon? Seine Gewalt gegen seinen ältesten Sohn? Seine gelegentlichen Gewaltakte und Ungerechtigkeiten gegenüber seinen anderen Kinder? Er erinnert sich nicht. Er erinnert sich allerdings an all die Konflikte, die er mit seiner Frau hatte, aber dieses Thema bleibt während dieses langen Spaziergangs im Wesentlichen unberührt.

„Lass uns also die Vergangenheit begraben“, meint der Student. „Es hat keine Zweck, dich weiterhin dessen zu beschuldigen, was du getan hast. Ich bin jetzt mein eigener Herr, und ich alleine kann ändern, wer und was ich bin.“

Das erste Mal seit langer, langer Zeit fühlt sich der Student wirklich wohl in der Gegenwart seines Vaters. Es gibt doch etwas Positives zwischen ihnen.