Zwei Mädels

In diesem Aufsatz spielen meine Schwester und meine Mutter die Hauptrollen. Meine Beziehung zu beiden war und ist immer noch für mich prägend.

31. Juli 1943

„Morgen ist Dein zweiter Geburtstag!“, erklärt die Mutter ihrer kleine Tochter. Das kleine Mädchen kniet mit ihrem älteren Bruder und ihrer Mutter nieder. Es ist wieder Abend, Bettzeit für die Kinder. Die Mutter spricht ihr Gutenacht-Gebet, und beide Kinder konzentrieren sich artig auf das, was die Mutter sagt. Am Ende möchte der fünfjähriger Bruder dem Gebet der Mutter noch etwas hinzufügen:

„Und bitte schick unseren Papa zurück nach Hause zu uns“, bittet er Jesus.

Das kleine Mädchen kennt ihren Vater nur von diesem hübschen Bild an der Wand und aus den schönen Geschichten, die ihre Mutter ihr oft erzählt. Ihr Vater ist weit weg, irgendwo in Russland, aber ihre Mutter weigert sich, ihr zu sagen, was er dort macht; nur dass er zurzeit nicht nach Hause kommen kann. Ihr die Wahrheit zu sagen würde ihren Papa auch nicht zurück bringen, aber es würde mit Sicherheit dazu führen, dass dies kleine Mädchen Albträume bekommt. Zugedeckt, aber immer noch voll angekleidet, hört sie der Gutenacht-Geschichte zu, die ihre Mutter den Kindern erzählt. Nach dem Gutenacht-Kuss macht Mama das kleine Licht aus.

Beide Kinder schlafen fest, als die Mutter einige Stunden später ins Kinderzimmer rennt und sie aufweckt. Das kleine Mädchen ist verängstigt. Die Sirenen der ganzen Stadt heulen, aber was sie am meisten erschreckt ist die Panik im Gesicht ihrer Mutter. Es ist für das kleine Mädchen schon fast zur Routine geworden, in ihrer Tageskleidung zu schlafen, manchmal von Sirenen aufgeweckt zu werden, und mit ihrer Mutter mitten in der Nacht zm Luftschutzbunker gehen zu müssen, wenn die ganze Stadt verdunkelt ist. Keine Lampen dürfen die Straßen der Stadt in jenen Jahren erhellen. Aber diesmal ist es anders. Das kleine Mädchen hört das Drönen schwerer Motoren in der Luft. Sie hört Explosionen und fühlt entfernte Druckwellen. In nur wenigen Sekunden sind sie draußen auf der Straße. Die Mutter nimmt ihre Tochter hoch und ihren Sohn an die Hand, und zusammen mit anderen Leuten rennen sie durch die dunklen Straßen in dem Versuch, die Sicherheit des Bunkers zu erreichen. In der Ferne sieht das kleine Mädchen aus einer Fabrik Flammen und Rauch aufsteigen, aber ihre Mutter gibt ihr keine Zeit zum Gucken. Sie erreichen den überfüllen Bunker, Sekunden bevor der Blockwart die Türen schließen will. Sie zwängen sich hinein. Das kleine Mädchen steht gleich neben der Tür. Der Blockwart schließt die schwere Stahltür mit kräftigem Schwung. „Bumm“. Ein schrecklicher Schmerz im rechten Daumen durchzuckt das Mädchen. Sie hatte ihren Daumen in der Türspalte. Sie schreit aus vollem Hals. Die Mutter findet heraus, was passiert ist: die schwere Stahltür hat das obere Glied des rechten Daumens ihrer Tochter amputiert. Das Mädchen blutet schwer und fällt beinahe in Ohnmacht. Erste Hilfe wird schnell erteilt, aber weitergehend Hilfe kann nicht erfolgen, da es draußen Feuer und Tod regnet, wie überall in Deutschland in jenen Jahren. Dies ist das Geburtstagsgeschenk der alliierten Befreier für das kleine Mädchen. Es könnte schlimmer sein. Über eine halbe Million Deutsche werden allein in diesem Jahr bei lebendigem Leibe zu Tode geröstet während der von den alliierten Bomberflotten ausgelösten Feuerstürme. Zumeist sind es Kinder, Frauen und ältere Leute, da die meisten Männer an der Front in einem verlorenen Krieg kämpfen.

1947

Die Stadt liegt in Trümmern, aber das Haus des Mädchens am Rande der Stadt ist verschont geblieben. Nur eine Trennwand zum Badezimmer ist umgefallen als Auswirkung einer Schockwelle von einer einzigen Bombe, einem Irrläufer, der etwa 500 entfernt in einer Siedlung einschlug. Das Mädchen wird im kommenden Frühling mit der Schule anfangen. Das Bild an der Wand ist immer noch ihr einziger Bezug zu ihrem Vater. Er ist jetzt in Frankreich, erklärt ihre Mutter. Er muss dort für andere Leute arbeiten, aber er wird bald zurück kommen. Und dann, an einem September Morgen, wird ihre Mutter darüber informiert, dass ihr Ehemann aus der Gefangenschaft in einem französischen Zwangsarbeitslager zurückkehren wird.

Einige Tage später. Es ist ein warmer Nachmittag im September. Die Blätter an den Bäumen sind die einzige Farbe in jenen Tagen einer zusammengebrochenen Nation, deren Städte in Trümmern, Schutt und Asche liegen. Das Eisenbahnsystem war im Wesentlichen unberührt geblieben vom allierten Bombardement, da das verkündete Ziel nicht so sehr die Störung der deutschen Kriegsproduktion war, sondern, wie sie stolz erklärten, so viele Deutsche wie möglich zu töten, solange der Krieg noch weiter ging. Da steht nun also die Mutter mit ihrem Sohn und ihrer Tochter in dieser absurden Landschaft, umgeben von Ruinen, aber in einem intakten Bahnhof, wo sie auf einen Zug warten, der die wertvollste Ladung bringt, die je für sie nach Hause gebracht wurde: Papa.

Der Zug hält an. Passagiere steigen aus und versperren den Blick des kleinen Mädchens. Endlich, da ist er! Sie erkennt ihn sofort. Es ist der Mann aus dem Bild! Sie ist so glücklich, endlich einen Papa zu haben! Der ausgemergelte Mann sieht seine Ehefrau zuerst, nähert sich, umarmt sie, begrüßt dann seinen Sohn, den er zuletzt im Alter von gerade einmal 5 Jahren gesehen hat. Dann will er mit seiner Frau und dem Sohn weggehen. Für das kleine Mädchen ist dies wie ein schwerer Schlag in die Magengrube.

„Er hat mich völlig ignoriert!“

Sie fühlt sich von ihrem Vater verstoßen und fängt zu weinen an. Die Mutter bemerkt den Fehlgriff und bittet ihren Ehemann, das Mädchen ebenfalls zu begrüßen. Der Vater dreht sich um, schaut das Mädchen an und fragt unschuldig, „Wer ist denn das?“ Die Mutter begreift schnell, dass der Vater das kleine Mädchen freilich unmöglich wiedererkennen kann. Er hat sie bisher nur einmal gesehen, als das Mädchen gerade mal etwas über ein Jahr alt war, und auch dann nur für wenige Tage während eines Kurzurlaubs von der Front.

„Das ist deine Tochter!“

Der Vater bricht plötzlich in Tränen aus, nimmt das niedliche Mädchen in seine Arme, und nun weinen sie zusammen, der Vater zuerst, weil er es so bereut, sie übergangen zu haben, doch dann weinen sie beide, weil sie so überwältigend glücklich sind, einander endlich zurück zu haben.

Szenenwechsel – 1969

Das kleine süße Mädchen ist gerade 6 Jahre alt geworden. Ihr ein Jahr jüngerer Bruder verlässt sich sehr auf sie, und sie genießt es, ab und zu für ihn die Ersatzmutter zu spielen. Es gibt ihr ein Selbstbewusstsein, das sie im Verhältnis zu ihrem Vater nicht finden kann. Sie scheint ihrem Papa ziemlich egal zu sein.

„Er ist in einer Welt aufgewachsen, wo Mädchen als nicht viel wert angesehen wurden“, versucht ihre Mutter zu erklären. „Er hat dich lieb, bloß kann er es nicht wirklich zeigen“, entschuldigt sie die Gleichgültigkeit ihres Ehemanns.

In dieser Nacht bricht die Hölle los in der Welt des kleinen Mädchens. Sie fällts in ein Koma. Spät am Abend merkt die Mutter, dass ihre Tochte nicht bloß schläft. Das Mädchen ist verkrampft; sie liegt im Sterben. Die Mutter organisiert flugs jemanden, um nach ihren zwei Buben zu schauen, und eilt dann mit ihrem Ehemann und dem Mädchen im Koma ins nächste Krankenhaus in einer kleinen Stadt 7 km entfernt. Das Mädchen wird als zuckerkrank diagnostiziert, einem Totalversagen der Bauchspeicheldrüse. Es gelingt ihnen, sie zu stabilisieren, und nach ein paar Tagen ist sie wieder zuhause. Aber von jenem Tag an scheint es mit ihrem Leben stetig abwärts zu gehen. Sie darf nichts Süßes mehr essen. Sie muss dreimal am Tag Insulin eingepritzt bekommen. Und um das Ganze noch schlimmer zu machen, schlägt ihres Vaters Gleichgültig ihr gegenüber manchmal sogar in kaum verhüllte Verachtung um.

Szenenwechsel – 1960-1982

Nach monatelangem Betteln geben ihre Eltern endlich nach.

„Na gut, aber du musst jeden Abend nach Hause zurückkommen! Du musst zuhause schlafen!“ Darauf besteht der Vater.

„In Ordnung“, stimmt die neunzehnjährige junge Frau zu. Nach zwei Jahren als Sekretärin in einer örtlichen Fabrik, die Rollschuhe herstellt, kommt sie ihrem Traum zumindest näher: sie wird eine Sekretärin an einer katholischen Ausbildungsstätte für Sozialpädagogen. Sie hat schon immer davon geträumt, einmal eine Sozialpädagogin zu werden, aber ihre Eltern hatten nicht das Geld, um sie mehr als die damals üblichen 8 Jahre zur Schule zu schicken, so dass sie im Alter von 14 Jahren eine Anstellung als Lehrling finden musste, und mit nur 8 Jahren Schule gab es außer Sekretärin nicht viel, was ein Mädchen mit guten Sprachkenntnissen werden konnte. Aber jetzt würde sie an einem Platz arbeiten, wo sie vielleicht doch noch einen Weg finden würde, um einen zweiten Karriereweg einzuschlagen. Freilich laufen die Dinge anders als erwartet. Die Ausbildungsstätte ist zu weit entfernt, um jede Nacht nach Hause zu kommen, weshalb ihre Eltern die Tatsache schlucken müssen, dass sie nur am Wochenende zurück kommt. Aber die junge Dame ist glücklich, von all diese jungen, gescheiten Leuten umgeben zu sein, die danach streben, Sozialpädagogen zu werden.

* * *

„Da kommt er ja schon wieder“, wird sie von ihren Kollegin aufgezogen, einem Fräulein ihres Alters, das mit ihr im Büro arbeitet. Georg, ein 25-jähriger, großer, gutaussehender Mann kommt ins Büro, um sich für einen Töpferkurs einzutragen. Die junge Dame wird rot im Gesicht. Sie hat diesen jungen zukünftigen Sozialpädagogen schon seit einiger Zeit in ihrem Visier gehabt, aber er beachtet sie nie wirklich, da er schon mit jemand anderem auszugehen scheint. Sobald er wieder weg ist, setzt sich ihre Kollegin zu ihr.

„Er ist wirklich deine ideale Bohnenstange. Weißt du was? Nächste Woche haben sie hier in der Hochschule das chinesische Lampionfest. Und ich wette darauf, dass dein Schwarm auch da sein wird. Wie wäre es, wenn Du auch hingehst? Mädel, Du bis wesentlich attraktiver und so viel besser im Flirten als das ander Mädchen. Ich habe die beiden nie wirklich leidenschaftlich miteinander gesehen, weshalb ich nicht glaube, dass dies was Ernsthaftes ist. Es wäre für dich ein Kinderspiel, ihr diesen Freund abzujagen.“

Unsere junge Dame schaut von ihrer Arbeit auf.

„Du hast Recht. Selbst wenn es nur zum Spaß ist. Jau, ich werde es versuchen.“

An jenem Abend setzt sie all ihre weibliche Verführungskunst ein: verlockende Kleidung, attraktive Schminke und jede Menge Charm und Lächeln. Es ist ein voller Erfolg. Er wird magische zu ihr hingezogen. Sie flirten, sie treffen sich regelmäßig, sie verlieben sich, und nach etwas mehr als einem Jahr hält er bei ihrem Vater um ihre Hand an, obwohl sie noch nicht einmal 21 Jahre alt ist.

* * *

Es stellt sich heraus, dass das tägliche Leben des jungen Paars anders ist als die Wochenendbeziehung, die sie bisher gelebt haben. Es zeigt sich, dass er der perfekte Maskenspieler war. Ein Mann von Statur, ein Gentleman, ein sozial engagierter Student, ein gescheiter Kerl mit vielen sozialen Fähigkeiten, gesprächig, lustig, und einfühlsam, dass alles scheint er oberflächlich betrachtet zu sein, wie er sich selbst noch außen hin zeigt. Aber wenn die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, ändert er sich. Die junge Ehefrau braucht eine Weile, bis es ihr klar wird. Schritt für Schritt lernt sie, Schauspiel von Wirklichkeit zu unterscheiden. Er gibt vor, das zu sein, was er gerne sein würde, es aber nicht ist. Er ist ein Einzelgänger, sehr impulsiv, manchmal aggressiv, und introvertiert. Bestimmt kein schlechter Liebhaber und Ernährer, aber kein guter Freund, schlecht im Kommunizieren. Er kritisiert und beschwert sich, ist undankbar, findet für nichts und niemanden kaum je gute Worte. Er zeigt keine positiven Gefühle.

Nach einigen wenigen Monaten in einer kleinen Wohnung nicht allzu weit weg von ihren Eltern findet der junge Ehemann etwa 200 km weit entfernt eine Anstellung. Sie ziehen um, und sie betritt eine Welt, in der sie völlig von ihm abhängt, insbesondere nachdem sie anfängt, Kinder zu bekommen, drei nach einander binnen wenig mehr als drei Jahren. Die Lage wird hässlich, da er als neuer Heimleiter des katholischen Familienferienheims in einem abgelegenen Ort im Taunus nordwestlich von Frankfurt unter enormem Erwartungsdruck steht. Er kommt damit nicht klar. In den folgenden Jahren droht er wiederholt damit, abzuhauen, nach Australien auszuwandern, wo sein Bruder zeitweilig lebt, oder sich einem Kibbutz in Israel anzuschließen, um wiedergutzumachen, was Deutsche während des Krieges anrichteten, und andere skurile Ideen. Mit zunehmender Frustrierung wird er auch zusehends gewalttätiger, insbesondere gegenüber seinem aufsässigen erstgeborenen Sohn, was die Beziehung des Paares vergiftet.

Weil sie ihre völlige finanzielle Abhängigkeit von ihm als Bedrohung empfindet, nimmt sie ihr Schicksal in die eigene Hand: Sie belegt einen Kurs, um Hauswirtschaftsmeisterin zu werden, und innerhalb einiger Jahre macht sie so viele Fortschritte, dass sie am Ende dieses Fach an derselben Berufsschule sogar unterrichtet. Dann macht das Paar einen Plan, von dem sie hoffen, dass er ein Ausweg aus ihrem Elend sein könnte: Für nur 5.000 DM kauft er ein altes heruntergekommenes Kloster aushalb ihres Wohnorts. Er arbeitet frenetisch daran, um es zu ihrem neuen Zuhause auszubauen, und um darin ein Restaurant zu eröffnen, wo seine Frau ihren Traum der Unabhängigkeit erfüllen kann, und wo er der Partner sein kann. Der Plan bringt jedoch zwei schwere Belastungen mit sich: das Geld, das sie sich für die Renovierung des Gebäudes von der Bank leihen müssen, setzt sie unter ernormen finanziellen Druck, und sobald sie in ihr neues Zuhause eingezogen sind und sie das Restaurant leitet, muss er seine Anstellung aufgeben. Jetzt hängt er von ihr ab, eine für ihn entwürdigende Lage, da er immer sehr patriarchisch ausgerichtet war. Die Ehe zerrüttet so sehr, dass sie ständige Albträume hat, verlassen zu werden und ums Überleben zu kämpfen, und dass er seine alte Drohung schließlich umsetzt: Er verlässt sie, geht nach Israel und versucht, sich einem Kibbutz anzuschließen, wird jedoch abgelehnt, weil er keine Jude ist. Er kommt zurück, doch findet er dort nur eine Frau vor, die ihre Sachen gepackt hat und drauf und dran ist, ihn zu verlassen.

„Was genug ist, ist genug. Ich kann so nicht mehr leben. Ich ziehe zurück in die Stadt meiner Eltern,“ sagt ihm die Mutter der drei Kinder.

Natürlich bettelt er, zu ihr zurückkehren zu dürfen. Als Einzelgänger hat er niemanden sonst und kann sich nirgendwohin wenden. So verkauft er also das Haus und zieht hinter ihr her. Er braucht nur wenige Monate, um sie zum Einlenken zu bewegen. Er gibt ihr den ganzen Ertrag vom Verkauf des Hauses als Zeichen seines guten Willens, so wie sie es verlangt hatte. Sie kaufen sich sodann ein Haus in ihrer Geburtsstadt, und sie ziehen zusammen dort ein, nur um die alten Geschichten immer wieder aufs neue zu durchleben.

* * *

Wenige Jahre später, und er ist wieder weg, hat wieder einmal eine seiner Episoden. Inzwischen hat sie diesen redseligen, einfühlsamen Mann getroffen. Sie hat eine Affäre. Sie verheimlicht es allen, meint sie.

„Mama, Du bis so anders, so fröhlich, so glücklich, seit Papa weg ist. Hast Du etwa einen Freund?“ fragt ihn ihr ältester Sohn offen heraus eines Abends, als sie beide alleine zusammen sitzen und sich unterhalten. Sie ist schockiert, dass er sie ertappt hat, aber es wundert sie kaum. Seit gut 6 Jahren verbringen die beiden fast jeden Abend Zeit miteinander. Das Verhältnis von Mutter und Sohn könnte inniger kaum sein. Sie kennen einander in- und auswendig. Und so öffnet sie ihr Herz völlig dem nun 17-Jährigen, der ihr engster Vertrauter geworden ist.

„Mama, warum gibst Du Papa nicht eine Korb und nimmst diesen andern Kerl. Der hört sich sehr nett an, und ich würde lieber einen angenehmen Stiefvater haben als unseren richtigen Vater,“ versucht sie ihr Ältester zu überreden. In den folgenden Tagen weiht er gar seine beiden Geschwister ein, und sie schließen sich der Bitte des Bruders an: „Gib Papa bitte den Laufpass, und organisier uns endlich einen richtigen Vater!“

Aber sie kann es einfach nicht über sich bringen. Sie entscheidet sich gegen den anderen Herrn und heißt nach einigen Wochen ihren Ehemann zum xten Mal zuhause willkommen, um einen neuen Zyklus zu starten. Erst nachdem er in den Ruhestand getreten ist, wird es ruhiger: Er begibt sich in seinem Cambingbus auf lange Einzelgängerreisen quer durch Europa, während sie zuhause bleibt und sich mit Freundinnen unter die Leute begibt. Gegensätze ziehen sich an, und irgendwie gelingt es ihnen, auf magische Weise durch Dick und Dünn zusammen zu bleiben. Keine moderne Ehe würde jemals überlebt haben, was diese Beiden mitgemacht haben, und nur, weil sie ihn doch irgendwie lieben muss, trotz allem, was passiert ist.

Szenenwechsel – 1982

Das Mädchen ist nun eine junge Frau. Ihre Krankheit hat ihr zugesetzt, da die Unausgewogenheiten ihres Stoffwechsels ihren Hormonhaushalt durcheinander gebracht haben, wodurch die Pupertät zu einer Tortur wurde, die nur durch eine Hormontherapie überwunden werden konnte. Ihre Beziehung zu ihrem Vater hat sich über die Jahre hinweg mehr oder weniger verschlimmert. Alles, was übrig geblieben ist, sind Angst und Abneigung. Die Beziehung mit ihrer Mutter ist auch nicht gut. Die junge Frau schlägt sich von einem Desaster ihres Privatlebens zum nächsten durch, und auch in ihrem Berufsleben als Floristin erlebt sie Ablehnung aufgrund ihrer Krankheit. Ihr Selbstbewusstsein ist gebrochen. Nur eine Person ist übrig, der sie traut: Ihr ein Jahr jüngerer Bruder. Er unterhält sie ab und zu mit seinen Geschichten, mit philosophischem Gerede, seinen psychologischen Familienanalysen usw. Er schafft es, dass sie sich wichtig fühlt, wenn auch nicht als intellektuell Ebenbürtige, so doch zumindest als gute Zuhörerin, als jemand, der ihm Beachtung schenkt, ihn vielleicht sogar bewundert. Sie vertraut ihm, und er spürt, dass sie ihn braucht. In jenen schwierigen Jahren wächst etwas Besonders zwischen ihnen. Noch vor wenigen Jahren, als sie beide in der Pupertät waren, hatten sie diese hässlichen Wortwechsel. Und wie gemein er in jenen Jahren war, als er sie jedes Mal an ihre Eltern verpetzte, wenn sie Süßigkeiten gegessen hatte. Sie erinnern sich auch beide daran, wie er im Alter von etwa 8 Jahren um seine Unabhängigkeit kämpfen musste, weil seine Schwester nicht aufhören wollte, ihn zu bemuttern. Nun versteht er, dass sie ihm schon immer nahe sein wollte. Und er sucht diese Nähe nun auch. Während der schlimmsten Phase im Leben der jungen Frau, als alles hoffnungslos und sinnlos erscheint, ist er da.

Während einer dieser Nächte geht die junge Frau nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen. Ihre Eltern haben ihr ausdrücklich verboten zu rauchen, aber das ist ihr egal. Sie versteckt sich, sogar vor ihrem Bruder, weil sie weiß, dass er ein leidenschaftlicher Gegner des Rauchens ist. Sie weiß daher, dass die Liebe zwischen ihnen wahrscheinlich nicht so weit geht. Sie sitzt im Gras im Dunkeln und saugt diesen giftigen, aber seltsam angenehmen Rauch in sich hinein. Plötzlich öffnet sich die Haustür, und ihr Bruder kommt zu ihr heraus in der Vorgarten. Reflexartig wirft sie die Zigarette in die Hecke und tut so, als sei nichts passiert. Der Bruder geht auf sie zu, aber anstatt sich neben sie zu setzen, geht er an ihr vorbei zur Hecke, greift hinein, nimmt die glühende Zigarette und gibt sie ihr zurück.

„Ich denke nicht, dass es gut ist, was du tust, aber es ist sicherlich ekelerregend heuchlerisch von unseren Eltern, dir das Rauchen zu verbieten, wo doch Mama eine Kettenraucherin ist und Papa gelegentlich ebenso raucht. Ich werde dich nicht verpetzen, keine Sorge. Ich werde dir auch nicht sagen, was gut für dich ist. Das musst du selber wissen.“

Sie schaut ihn an, als hätte sie der Blitz erschlagen. Er setzt sich neben sie und fängt an, über Gott und die Welt zu reden, als sei nicht passiert. Sie ist ihm wichtig.

Nur wenige Monate später überrascht der Bruder sie mitten in der Nacht, während sie den Kühlschrank plündert, indem sie allerlei Lebensmittel herausnimmt und in Massen isst.

„Was zum Teufel machst du da?“ fragt er sie und fährt fort, „Das kannst Du doch nicht machen! Du schadest dir damit doch!“

„Ich muss essen. Ich habe einen extrem niedrigen Blutzuckerspiegel“, antwortet sie.

Die ganze Sache ist seltsam, weshalb er fragt, ob irgendwas nicht in Ordnung sei. Da er sie auch nicht verraten hat, als er sie vor einigen Monaten rauchend im Vorgarten erwischte, vertraut sie ihm an, dass sie versucht hat, mit einer Überdosis Insulin Selbstmord zu begehen. Sie war drauf und dran, im Bett in ein Koma zu fallen, aber dann konnte sie das Gefühl eines solch niedrigen Blutzuckers nicht mehr aushalten.

„Bitte sag es niemandem“, fleht sie ihn an.

„Versprochen“, erwidert er. Und so wird ein eisernes Band zwischen Bruder und Schwester geschmiedet. Seither lieben sie einander, respektieren einander, hören einander zu, unterstützen sich gegenseitig, helfen einander wo immer sie können. Ihr Bruder wird zum wichtigsten Halt in ihrem wackligen Leben. Mit Reden, Zuhören und mit einfachem für sie Dasein, wann immer sie jemanden braucht, hilft er ihr über die nächsten Jahre, durch die Klippen und Untiefen des Lebens hindurch zu steueren, bis sie nach etwa zehn Jahren endlich sichere Ufer, ruhigere Wasser erreicht. Aber das Band bleibt. Und sie gibt gelegentlich das Rauchen auf…